Heutzutage wird das persönliche Glück als unmoralisch, sogar als obszön empfunden. Dieter Thomä "Vom Glück in der Moderne"
Ein jeder handle so, daß die Essenz seines Handelns jederzeit als moralischer Maßstab für eine ganze Gemeinschaft gelten kann. Kant (Vereinfachte Formulierung)
Ich suche nicht mehr, ich habe mein Glück (bei/in xyz) gefunden. Oft gelesener Profiltext in Chats/Foren
In einer Studie wurden indische Witwen und Witwer zu Ihrem Wohlgefühl befragt: Obwohl der materielle und gesundheitliche Standard der indischen Witwer wesentlich höher war, waren die indischen Witwen glücklicher. Nach genauem Nachfragen erfuhr man den Grund dafür. Die Witwen hatten – im Gegensatz zu den Witwern – keine hohe Erwartungen an Ihre Zukunft. Quelle unbekannt
Und jetzt fragt sich der Leser, was das alles soll
Ganz einfach, ich habe all diese Formulierungen mal in einen Kontext gesetzt und darüber nachgedacht. Laut Kant ist persönliches Glück nicht wichtig, noch schlimmer, man sollte keine Sehnsucht danach haben. Klasse. Wollten wir alle schon immer sein, reine ätherische Wesen ohne persönliche Bedürfnisse. Lichtgestalten, als hehres Vorbild dienend. Und unsere Sehnsüchte fallen hinten über . Aber der Mensch ist nicht so… Das beste Beispiel für solches Handeln ist meine Schwester, die seit 15 Jahren Vegetarierin ist. Nicht, weil ihr Fleisch nicht schmeckt oder weil Sie es für ungesund hält, sondern weil sie einen Bericht über die unmenschlichen Bedingungen bei Viehtransporten gesehen hat. Wie sie mir in einer schwachen Stunde gestand, sabbert sie immer noch beim Duft von frisch gekochten Wienerle…. Moralisch einwandfrei und absolut vorbildlich, aber sicher nicht befriedigend. Selbst hohe materielle Standards hinterlassen ein schales Gefühl der Leere, wenn Seele und Geist nicht befriedigt werden. Was zu einem hohen materiellen Standard bei Psychologen und Lebenshilfe-Lehrern führt *gg*. Aber was ist Glück? Sicher ist eines, die Definition ist je nach Kulturkreis verschieden. Im Kongo ist jeden Tag ein voller Magen eine der Definitionen. Im westlichen Kulturkreis sieht es derzeit so aus, daß eine erfüllte Partnerschaft diese Definition erfüllt. Aber wenn ich mein Glück in/bei XYZ finde, dann ist es doch nicht meines, provozierend formuliert, denn dann ist mein Glück doch von dieser Person abhängig. Wenn diese Person, die mein Glück "produziert", mich verläßt, dann ist auch mein Glück dahin? Dieser Mensch ist damit in der "mach mich um jeden Preis glücklich"-Falle gefangen… Er muß seine Sehnsüchte den meinen opfern, weil doch das, was mich glücklich macht, ihn noch lange nicht glücklich macht. Und ist es wirklich Glück, wenn es von einem anderen Menschen abhängig ist? Im Gegenzug führt diese Glücks-Formulierung dazu, das wir Dinge tun, die uns eher unzufrieden machen, in der Erwartung, daß unser Gegenüber uns – als Belohnung – glücklich macht. Wir machen Diät, gucken uns Musicals an oder heucheln Interesse für die Formel 1, in der Hoffnung, daß wir dafür belohnt werden. Aber selbst wenn unser Gegenüber uns dafür mit Aufmerksamkeit und Zuneigung beschenkt, bleibt da oft eine Leere. Und schon geht der Teufelskreis wieder los. Und wenn immer öfter dieses "da muß doch noch was anderes sein" Gefühl auftaucht, machen wir uns auf die Suche nach einem neuen Partner, der unsere Erwartungen und Forderungen noch besser erfüllt. Wie schreiben neue Kontaktgesuche, in denen wir unsere Präferenzen noch deutlicher formulieren (max. Kleidergröße 38, blond, maso/devot, 24/7, drei-Loch-Dingens, usw…. *ironieoff*) und lassen den alten Partner hinter uns, der noch vor kurzem unser Glück war. Natürlich un-glücklich und damit gezwungen, ebenfalls einen neuen Erfüllungsgehilfen für seine Art von Glück zu finden. Und da liegt der Hund begraben! Der Volksmund hatte recht, daß jeder seines Glückes Schmied ist. Unser Glück ist in uns, unabhängig vom Gegenüber oder von materiellen Wohlstand. Wir müssen es nur finden. Dann sind wir nicht von anderen abhängig, von Konsum oder von Helfern jeglicher Couleur. Und wenn wir uns selber glücklich machen, dann können uns andere nicht un-glücklich machen und wir zwingen sie nicht dazu, ihre Persönlichkeit zu verändern, um uns zu gefallen. Stellt euch mal vor, wie herrlich es wäre, man selbst zu sein, durch und durch, und das Gegenüber mag uns als Individuum, und nicht als "sein persönliches Glück". Natürlich setzt das "eigene-Glück-schmieden" voraus, daß wir uns gegenüber gnadenlos ehrlich sind. Das ist hart, das ist viel Arbeit und sicher auch unheimlich oft unglaublich unangenehm… Aber mal ehrlich… wenn am Ende dieses Weges das persönliche, unabhängige Glück steht, wäre es nicht diese Ungemach wert? Natürlich ist es einfacher, in einer Kontaktanzeige bis aufs I-Tüpfelchen genau zu beschreiben was man sucht, aber die Gefahr ist doch, daß auch das nicht zum Glück führt. Und man bringt sich um die Chance, wirklich interessante Menschen kennen zu lernen, die uns vielleicht in unserem persönlichen Wohlbehagen unterstützen könnten, ohne ihre Eigenständigkeit aufzugeben und von uns zu Krücken degradiert zu werden. Es würde mich interessieren, wie Philemon und Baucis, das alte Ehepaar in der griechischen Sage, persönliches Glück definieren würden… Und ob Romeo und Julia- hätten sie nicht Selbstmord begangen- sich nicht nach einem Jahr getrennt hätten… Im Buddhismus heißt es, daß das Anerkennen des Leides der erste Schritt ist, das Leid zu beenden… Übersetzt auf die Partnersuche heißt das: Wir müssen das alte Muster, daß uns un-glücklich machte, erkennen und durchbrechen. Weg von dem, was uns vermeintlich glücklich machen würde, hin zu dem, was uns hilft, uns selber glücklich zu machen. Das heißt auch, daß wir es schaffen müssen, unser Gegenüber nicht zum Erfüllungsgehilfen zu degradieren, sondern als eigenständige Person mit eigenen Vorstellungen vom Glück zu akzeptieren und respektieren. Sich Frei-Machen von Erwartungshaltungen bedeutet, den Weg freizumachen für neue Erfahrungen… Ich für meinen Teil habe es schon geschafft, mein Glück nicht von Menschen abhängig zu machen. Jetzt muß ich es nur noch schaffen, mein Un-Glück nicht von Ihrem Verhalten abhängig zu machen… *stöhn*